Sechs Artikel, die das Thema Stress am Arbeitsplatz von unterschiedlichen Seiten beleuchten. Woher stammt der Stress eigentlich und was kann man in Organisationen dagegen tun? Als Kontrapunkt dann der letzte Artikel, den ich unbedingt empfehle: Ist das überhaupt Stress, was wir empfinden?

 

 

Gemma Leigh Roberts: From ‘fika’ to offline time

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In Grossbritannien gehen jedes Jahr Millionen von Arbeitstagen aufgrund von stressbedingten Erkrankungen verloren. Gemma Leigh Roberts fragt, ob wir von anderen Ländern lernen können, um Stress am Arbeitsplatz abzubauen. Sie nennt drei Beispiele, die von Organisationen leicht umgesetzt werden könnten.

 

Das Recht aufs ‚Offline-Sein‘ in Frankreich

E-Mails bearbeiten nach der Arbeit ist ein großer Stressfaktor und erhöht die Arbeitsbelastung.

In Frankreich müssen Unternehmen den Mitarbeitern klar definierte Zeiten ohne E-Mail-Bearbeitung einräumen und ihre „Offline-Zeit“ einhalten.

 

MA-Vertreter für Work-Life-Balance in Dänemark und Norwegen

In Dänemark und Norwegen wählen die Mitarbeitenden eines Unternehmens Vertreter, die sich an der Förderung und Überwachung von Sicherheit, Work-Life-Balance, gesunden Lebensgewohnheiten, verbesserter Ernährung und Bewegung beteiligen.

Auf diese Weise hören sich die Unternehmen ihre Empfehlungen an und implementieren kollaborative Lösungen.

 

Die ‘Fika‘-Mentalität in Schweden

Fika ermöglicht es den Mitarbeitern, zwei bis fünf Pausen pro Tag zu machen, um spazieren zu gehen oder einen Drink oder Snack zu nehmen. Neben der gesunden Wirkung von regelmäßigen Pausen ist ‚Fika‘ eine bestimmte Mentalität und hat sich zu einem sozialen Ritual entwickelt (regelmässiges Abstandnehmen von der Arbeit zusammen mit den Kollegen).

 

 

Jess Baker: How to help your employees become more resilient

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Jess Baker wirft zwei selten diskutierte Probleme im Zusammenhang mit Stress bei der Arbeit auf: die eigenen Emotionen nicht zeigen zu können, aus Angst, als nicht mehr in der Lage angesehen zu werden, damit umgehen zu können; die eigenen Grenzen nicht durch Verhandlungen oder Nein-Sagen durchsetzen zu können.

Diese beiden Themen werden oft als individuelles Problem eines Mitarbeiters angesehen, haben aber viel mehr mit der Kultur eines Unternehmens zu tun.

 

Die eigenen Emotionen nicht zeigen können aus Angst, als unfähig damit umzugehen angesehen zu werden

Also, was kann ein Unternehmen tun?

Teile Geschichten: Ermutige Top-Manager, ihre persönlichen Erfahrungen mit Stress auszutauschen und wie sie ihre Belastbarkeit verbessert haben.

Frage die Mitarbeitenden, was nicht gut läuft und was dagegen getan werden könnte. Lasse sie mögliche Lösungen finden.

Bespreche das Stressniveau regelmäßig in 1:1-Meetings.

Schaffe eine unterstützende Umgebung: Ermutige die Mitarbeitenden, sich Zeit zu nehmen, um ihre Erfahrungen und Erkenntnisse untereinander auszutauschen.

 

Die eigenen Grenzen nicht durch Verhandlungen oder Nein-Sagen durchsetzen können 

Durchsetzungsfähigkeitstraining anbieten.

Ermutige die Mitarbeitenden, sich um ihre Work-Life-Balance zu kümmern: z.B. Mittagspause machen, keine E-Mails ausserhalb der Arbeitszeit, realistische Deadlines einfordern etc.

Gib den Mitarbeitenden die Unterstützung, die sie brauchen und ermutige sie, danach zu fragen. 

«Um den Mitarbeitenden beim Umgang mit Stress zu helfen, sollten Unternehmen eine Kultur der Offenheit schaffen, effektive Schulungen anbieten und gesunde Arbeitspraktiken vorleben.»

 

 

Michael Falkenstein: Auswirkungen von Arbeitsstress auf eine alternde Belegschaft

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Ältere Mitarbeitende sind von einigen Arten von Stress stärker betroffen als Jüngere. Dies zeigt sich vor allem, wenn Fähigkeiten und Job schlecht zusammenpassen. Langjähriger Arbeitsstress wirkt sich vor allem auf die mentale Gesundheit aus und kann eine Demenz fördern. Stressmindernde Massnahmen — gerade für Ältere — sind also wichtig.

 

Reduktion von Stress und Förderung der mentalen Leistungsfähigkeit 

Wie erwähnt, sollten Kompetenzen und Anforderungen möglichst gut übereinstimmen. Als wichtige Ressource gelten dabei möglichst grosse Handlungsspielräume. 

Hingegen sollten Zeitdruck, Unterbrechungen und Multitasking möglichst tief sein. Ältere sind auch anfälliger auf Stressfaktoren, die aus (belastender) zwischenmenschlicher Interaktion – insbesondere mit Vorgesetzten  –  resultieren. Es ist deshalb wichtig, Führungskräfte darin zu schulen.

Alle Beschäftigten – aber insbesonders Ältere – müssen den Umgang mit Stressoren erlernen. Dabei geht es nicht nur um Entspannungstechniken, sondern auch darum, wie man möglichst gut mit stresserzeugenden Gedanken und konkreten Stresssituationen umgeht. Gerade dabei helfen auch genügend körperliche Aktivität und Training.

 

 

Korn Ferry: Stress am Arbeitsplatz hat in den vergangenen fünf Jahren zugenommen

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Zwei Drittel (65 Prozent) der Mitarbeitenden haben heute mehr Stress bei der Arbeit als vor fünf Jahren. Interessanterweise ist nicht zu viel Arbeit der wichtigste Grund dafür, sondern die Führungskraft. 

80% sagen zudem, dass Transformationen, Restrukturierungen und der darauf folgende Wechsel der Führungskraft zu den belastendsten Situationen in der Arbeitswelt gehören. 

 

“Wenn sich Stress aus dem Büro zu sehr zu Hause auswirkt, beginnt oft ein Teufelskreis”

Stress am Arbeitsplatz wirkt sich meist negativ auf private Beziehungen aus. Und dieser private Stress dann wiederum negativ auf die Arbeitsproduktivität. Viele Mitarbeitende werden dadurch immer unzufriedener und engagieren sich dann immer weniger im Beruf. “Damit erreichen Unternehmen das Gegenteil von dem, was ihre Organisations- und Transformationsreformen eigentlich auslösen sollten.”

 

Lieber zu viel als zu wenig Arbeit

Überraschenderweise sagen 79% der Teilnehmer, dass sie lieber zu viel als zu wenig Arbeit haben. Untersuchungen zeigen aber, dass sich zu viel Arbeit ebenfalls sehr negativ auf Mitarbeitende auswirkt. Vor allem dann, wenn Leistung und Einsatz nicht genügend anerkannt wird, was das Top Management und die direkten Vorgesetzten oft vergessen. 

 

 

Nicolas Richter, Tobias Esch: Belastung ermöglicht Wachstum und Zufriedenheit

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Gleich vorneweg: Der Titel ist leicht irreführend, da diese Aussage nur einen Nebenaspekt des Interviews beleuchtet. Doch davon gleich mehr.

Arbeitszyklen werden immer kürzer, Multitasking, überlappende Prozesse und Arbeitsunterbrechungen nehmen deutlich zu, was zu mehr Stress und Belastung führt.

Dabei kommt es aber stark auf die Inhalte an. Die Arbeitsmenge ist nur ein Indiz für die Belastung bzw. dafür, ob ich Arbeit als belastend oder bereichernd empfinde. Wichtig sind auch die Arbeitsinhalte, die Gestaltungsmöglichkeiten und die Kontrollierbarkeit, die Führungskultur und das Umfeld. Und nicht zuletzt auch, ob ich authentisch sein, meine Stärken einsetzen und mich weiterentwickeln kann. 

Es ist schon fast zu spät, wenn zunehmende Absenzen eine problematische Situation anzeigen. Als probates Frühwarnzeichen erwähnt Tobias Esch eine “wachsende Feindseligkeit in der Kommunikation und in der Haltung anderer oder bei mir selbst.”

Nun also, wie versprochen, noch zum Titel des Artikels. Es ist illusorisch anzustreben, bei der Arbeit permanent zufrieden und glücklich zu sein. Es gibt immer Zeiten des „Sich-Aufmachens“ und auch der Belastungen. Dies sind unter anderem nötig, um daran zu wachsen und ein höheres Level der Zufriedenheit zu erreichen. Arbeitslast und Zufriedenheit verlaufen dann parallel zueinander. Wichtig ist, in solchen schwierigen Phasen nicht zu übertreiben und abzustürzen. Dabei können auch Gesundheitsmanagement und Coaching sehr hilfreich sein.

 

 

David Pfeifer: Warum so gestresst?

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Meistens haben wir keinen Stress, sondern vor allem zu viel zu tun. Das kann natürlich auch stressen, dieses Gefühl, nicht zu genügen. Darum sagen wir lieber «Ich bin im Stress» statt «Ich kann nicht mehr».

Denn wer keinen Stress hat, wirkt verdächtig in einer Arbeitswelt, in der «belastbar, engagiert, flexibel» in jedem Stelleninserat auftauchen. Stress wird für vieles verwendet, was in der Gesellschaft falsch läuft, aber aus wissenschaftlicher Sicht gibt es ihn eher selten.

Menschen können hohe Belastungen gut aushalten. Zudem haben und hatten Menschen immer Stress — nur die Gründe ändern sich. In der modernen Arbeitswelt muss man beispielsweise viel häufiger und intensiver kommunizieren. Und das liegt nicht jedem.

Wir haben uns schon so stark auf die Anforderungen im Job eingestellt, dass wir sie fraglos in die Freizeit übernehmen. «Das ewige Herumnesteln an der eigenen unerfüllten Bio­grafie macht viele Jungbleibenwollende in den gentrifizierten Grossstadtmilieus wahnsinnig.» Vollkommene Selbstverwirklichung samt Kindern, Karriere, Haus mit Seeblick und Traumferien kann gehörig Druck verursachen. Auch in der Freizeit etwa nichts zu tun, geht ja gar nicht mehr. Schliesslich will man die knapp bemessene Freizeit nutzen, um gesund und fit zu werden. Die aus all dem unweigerlich folgende Frustration bedeutet aber nicht, physisch krank zu sein.

Es ist auf jeden Fall positiv, dass die psychische Gesundheit heute vermehrt zum Thema gemacht wird. Das Dramatisieren des eigenen Stresses wird heute aber auch genutzt, um Selbstbezogenheit und Selbstausbeutung schön zu reden. Dabei geht oft vergessen, dass andere dies schnell durchschauen. «Ich bin so im Stress» führt beim Chef nicht zu Wertschätzung und Anerkennung, denn er hört darin nur ein «Ich kann nicht mehr». Der Karriere zuliebe also eher versuchen, sich zu entspannen. 

Aber bevor man nun ins Entspannungs-Seminar hetzt, wäre es angezeigt sich einzugestehen, dass man keinen Stress hat, sondern ihn sich machen lässt oder sogar selber macht. Vielleicht weil man nicht mag, was man tut?

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