Sechs Artikel, die das Thema Stress am Arbeitsplatz von unterschiedlichen Seiten beleuchten. Woher stammt der Stress eigentlich und was kann man in Organisationen dagegen tun? Als Kontrapunkt dann der letzte Artikel, den ich unbedingt empfehle: Ist das überhaupt Stress, was wir empfinden?

 

 

Gemma Leigh Roberts: From ‘fika’ to offline time

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In Grossbritannien gehen jedes Jahr Millionen von Arbeitstagen aufgrund von stressbedingten Erkrankungen verloren. Gemma Leigh Roberts fragt, ob wir von anderen Ländern lernen können, um Stress am Arbeitsplatz abzubauen. Sie nennt drei Beispiele, die von Organisationen leicht umgesetzt werden könnten.

 

Das Recht aufs ‚Offline-Sein‘ in Frankreich

E-Mails bearbeiten nach der Arbeit ist ein großer Stressfaktor und erhöht die Arbeitsbelastung.

In Frankreich müssen Unternehmen den Mitarbeitern klar definierte Zeiten ohne E-Mail-Bearbeitung einräumen und ihre „Offline-Zeit“ einhalten.

 

MA-Vertreter für Work-Life-Balance in Dänemark und Norwegen

In Dänemark und Norwegen wählen die Mitarbeitenden eines Unternehmens Vertreter, die sich an der Förderung und Überwachung von Sicherheit, Work-Life-Balance, gesunden Lebensgewohnheiten, verbesserter Ernährung und Bewegung beteiligen.

Auf diese Weise hören sich die Unternehmen ihre Empfehlungen an und implementieren kollaborative Lösungen.

 

Die ‘Fika‘-Mentalität in Schweden

Fika ermöglicht es den Mitarbeitern, zwei bis fünf Pausen pro Tag zu machen, um spazieren zu gehen oder einen Drink oder Snack zu nehmen. Neben der gesunden Wirkung von regelmäßigen Pausen ist ‚Fika‘ eine bestimmte Mentalität und hat sich zu einem sozialen Ritual entwickelt (regelmässiges Abstandnehmen von der Arbeit zusammen mit den Kollegen).

 

 

Jess Baker: How to help your employees become more resilient

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Jess Baker wirft zwei selten diskutierte Probleme im Zusammenhang mit Stress bei der Arbeit auf: die eigenen Emotionen nicht zeigen zu können, aus Angst, als nicht mehr in der Lage angesehen zu werden, damit umgehen zu können; die eigenen Grenzen nicht durch Verhandlungen oder Nein-Sagen durchsetzen zu können.

Diese beiden Themen werden oft als individuelles Problem eines Mitarbeiters angesehen, haben aber viel mehr mit der Kultur eines Unternehmens zu tun.

 

Die eigenen Emotionen nicht zeigen können aus Angst, als unfähig damit umzugehen angesehen zu werden

Also, was kann ein Unternehmen tun?

Teile Geschichten: Ermutige Top-Manager, ihre persönlichen Erfahrungen mit Stress auszutauschen und wie sie ihre Belastbarkeit verbessert haben.

Frage die Mitarbeitenden, was nicht gut läuft und was dagegen getan werden könnte. Lasse sie mögliche Lösungen finden.

Bespreche das Stressniveau regelmäßig in 1:1-Meetings.

Schaffe eine unterstützende Umgebung: Ermutige die Mitarbeitenden, sich Zeit zu nehmen, um ihre Erfahrungen und Erkenntnisse untereinander auszutauschen.

 

Die eigenen Grenzen nicht durch Verhandlungen oder Nein-Sagen durchsetzen können 

Durchsetzungsfähigkeitstraining anbieten.

Ermutige die Mitarbeitenden, sich um ihre Work-Life-Balance zu kümmern: z.B. Mittagspause machen, keine E-Mails ausserhalb der Arbeitszeit, realistische Deadlines einfordern etc.

Gib den Mitarbeitenden die Unterstützung, die sie brauchen und ermutige sie, danach zu fragen. 

«Um den Mitarbeitenden beim Umgang mit Stress zu helfen, sollten Unternehmen eine Kultur der Offenheit schaffen, effektive Schulungen anbieten und gesunde Arbeitspraktiken vorleben.»

 

 

Michael Falkenstein: Auswirkungen von Arbeitsstress auf eine alternde Belegschaft

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Ältere Mitarbeitende sind von einigen Arten von Stress stärker betroffen als Jüngere. Dies zeigt sich vor allem, wenn Fähigkeiten und Job schlecht zusammenpassen. Langjähriger Arbeitsstress wirkt sich vor allem auf die mentale Gesundheit aus und kann eine Demenz fördern. Stressmindernde Massnahmen — gerade für Ältere — sind also wichtig.

 

Reduktion von Stress und Förderung der mentalen Leistungsfähigkeit 

Wie erwähnt, sollten Kompetenzen und Anforderungen möglichst gut übereinstimmen. Als wichtige Ressource gelten dabei möglichst grosse Handlungsspielräume. 

Hingegen sollten Zeitdruck, Unterbrechungen und Multitasking möglichst tief sein. Ältere sind auch anfälliger auf Stressfaktoren, die aus (belastender) zwischenmenschlicher Interaktion – insbesondere mit Vorgesetzten  –  resultieren. Es ist deshalb wichtig, Führungskräfte darin zu schulen.

Alle Beschäftigten – aber insbesonders Ältere – müssen den Umgang mit Stressoren erlernen. Dabei geht es nicht nur um Entspannungstechniken, sondern auch darum, wie man möglichst gut mit stresserzeugenden Gedanken und konkreten Stresssituationen umgeht. Gerade dabei helfen auch genügend körperliche Aktivität und Training.

 

 

Korn Ferry: Stress am Arbeitsplatz hat in den vergangenen fünf Jahren zugenommen

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Zwei Drittel (65 Prozent) der Mitarbeitenden haben heute mehr Stress bei der Arbeit als vor fünf Jahren. Interessanterweise ist nicht zu viel Arbeit der wichtigste Grund dafür, sondern die Führungskraft. 

80% sagen zudem, dass Transformationen, Restrukturierungen und der darauf folgende Wechsel der Führungskraft zu den belastendsten Situationen in der Arbeitswelt gehören. 

 

“Wenn sich Stress aus dem Büro zu sehr zu Hause auswirkt, beginnt oft ein Teufelskreis”

Stress am Arbeitsplatz wirkt sich meist negativ auf private Beziehungen aus. Und dieser private Stress dann wiederum negativ auf die Arbeitsproduktivität. Viele Mitarbeitende werden dadurch immer unzufriedener und engagieren sich dann immer weniger im Beruf. “Damit erreichen Unternehmen das Gegenteil von dem, was ihre Organisations- und Transformationsreformen eigentlich auslösen sollten.”

 

Lieber zu viel als zu wenig Arbeit

Überraschenderweise sagen 79% der Teilnehmer, dass sie lieber zu viel als zu wenig Arbeit haben. Untersuchungen zeigen aber, dass sich zu viel Arbeit ebenfalls sehr negativ auf Mitarbeitende auswirkt. Vor allem dann, wenn Leistung und Einsatz nicht genügend anerkannt wird, was das Top Management und die direkten Vorgesetzten oft vergessen. 

 

 

Nicolas Richter, Tobias Esch: Belastung ermöglicht Wachstum und Zufriedenheit

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Gleich vorneweg: Der Titel ist leicht irreführend, da diese Aussage nur einen Nebenaspekt des Interviews beleuchtet. Doch davon gleich mehr.

Arbeitszyklen werden immer kürzer, Multitasking, überlappende Prozesse und Arbeitsunterbrechungen nehmen deutlich zu, was zu mehr Stress und Belastung führt.

Dabei kommt es aber stark auf die Inhalte an. Die Arbeitsmenge ist nur ein Indiz für die Belastung bzw. dafür, ob ich Arbeit als belastend oder bereichernd empfinde. Wichtig sind auch die Arbeitsinhalte, die Gestaltungsmöglichkeiten und die Kontrollierbarkeit, die Führungskultur und das Umfeld. Und nicht zuletzt auch, ob ich authentisch sein, meine Stärken einsetzen und mich weiterentwickeln kann. 

Es ist schon fast zu spät, wenn zunehmende Absenzen eine problematische Situation anzeigen. Als probates Frühwarnzeichen erwähnt Tobias Esch eine “wachsende Feindseligkeit in der Kommunikation und in der Haltung anderer oder bei mir selbst.”

Nun also, wie versprochen, noch zum Titel des Artikels. Es ist illusorisch anzustreben, bei der Arbeit permanent zufrieden und glücklich zu sein. Es gibt immer Zeiten des „Sich-Aufmachens“ und auch der Belastungen. Dies sind unter anderem nötig, um daran zu wachsen und ein höheres Level der Zufriedenheit zu erreichen. Arbeitslast und Zufriedenheit verlaufen dann parallel zueinander. Wichtig ist, in solchen schwierigen Phasen nicht zu übertreiben und abzustürzen. Dabei können auch Gesundheitsmanagement und Coaching sehr hilfreich sein.

 

 

David Pfeifer: Warum so gestresst?

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Meistens haben wir keinen Stress, sondern vor allem zu viel zu tun. Das kann natürlich auch stressen, dieses Gefühl, nicht zu genügen. Darum sagen wir lieber «Ich bin im Stress» statt «Ich kann nicht mehr».

Denn wer keinen Stress hat, wirkt verdächtig in einer Arbeitswelt, in der «belastbar, engagiert, flexibel» in jedem Stelleninserat auftauchen. Stress wird für vieles verwendet, was in der Gesellschaft falsch läuft, aber aus wissenschaftlicher Sicht gibt es ihn eher selten.

Menschen können hohe Belastungen gut aushalten. Zudem haben und hatten Menschen immer Stress — nur die Gründe ändern sich. In der modernen Arbeitswelt muss man beispielsweise viel häufiger und intensiver kommunizieren. Und das liegt nicht jedem.

Wir haben uns schon so stark auf die Anforderungen im Job eingestellt, dass wir sie fraglos in die Freizeit übernehmen. «Das ewige Herumnesteln an der eigenen unerfüllten Bio­grafie macht viele Jungbleibenwollende in den gentrifizierten Grossstadtmilieus wahnsinnig.» Vollkommene Selbstverwirklichung samt Kindern, Karriere, Haus mit Seeblick und Traumferien kann gehörig Druck verursachen. Auch in der Freizeit etwa nichts zu tun, geht ja gar nicht mehr. Schliesslich will man die knapp bemessene Freizeit nutzen, um gesund und fit zu werden. Die aus all dem unweigerlich folgende Frustration bedeutet aber nicht, physisch krank zu sein.

Es ist auf jeden Fall positiv, dass die psychische Gesundheit heute vermehrt zum Thema gemacht wird. Das Dramatisieren des eigenen Stresses wird heute aber auch genutzt, um Selbstbezogenheit und Selbstausbeutung schön zu reden. Dabei geht oft vergessen, dass andere dies schnell durchschauen. «Ich bin so im Stress» führt beim Chef nicht zu Wertschätzung und Anerkennung, denn er hört darin nur ein «Ich kann nicht mehr». Der Karriere zuliebe also eher versuchen, sich zu entspannen. 

Aber bevor man nun ins Entspannungs-Seminar hetzt, wäre es angezeigt sich einzugestehen, dass man keinen Stress hat, sondern ihn sich machen lässt oder sogar selber macht. Vielleicht weil man nicht mag, was man tut?

Was versteht man unter einer toxischen Kultur?

Ist es – ähnlich wie bei Fukushima (so heißt es) – ein weitgehend unvorhersehbares Naturereignis, das eines Tages ein sonst normales Unternehmen trifft? Oder ist es eine Wette auf Top-Talente und Outperformance, die völlig schief gelaufen ist? Oder sind es eher einige interne Unzulänglichkeiten, die langsam zu riechen und zu faulen beginnen und ohne Gegenmassnahmen immer grössere Bereiche befallen?

Je nachdem, wie du über diese Fragen denkst, siehst du das Problem bei einigen wenigen Mitarbeitenden, die sich nicht benehmen können, bei einer weitgehend unmotivierten Belegschaft oder in der Verantwortung des Unternehmens selbst und seines (Top-)Managements.

Alle Artikel, die ich hier bespreche, stimmen jedoch darin überein, dass eine vergiftete Kultur schädlich und alles andere als produktivitätsfördernd ist. Weil sie Top-Talente vertreibt (3), Fehlfunktionen in der Organisation fördert (4), Mitarbeitende leidenschaftslos und unwohl macht (5), schlechte Moral schafft und die Fluktuationsrate in die Höhe treibt. (9)

Während kulturelle Themen wie geringes Mitarbeiterengagement, Silodenken oder eine hohe Fluktuation kurzfristig negative Auswirkungen auf die Geschäftsentwicklung haben können, kann eine toxische Kultur den Ruf einer Arbeitgebermarke auch dauerhaft schädigen. (9)

Jedes Unternehmen hat seine Kultur, ja, aber nur wenige von ihnen kümmern sich darum, ob sie gut oder schlecht ist. Vor allem das Top-Management weiss oft nicht, wie die Stimmung an der Basis ist. (8) Laut einer Studie betonen 83% der Führungskräfte die Bedeutung der Kultur. Jedoch verhalten sich Führungskräfte in nur 29% dieser Unternehmen entsprechend den kommunizierten Leitbildern und Werten und leben diese Kultur vor. (9)

Erste Anzeichen für eine toxische Kultur sind zunehmende Fehlzeiten, mittelmäßige Leistungen, unproduktive Sitzungen, Klatsch und Tratsch, Mobbing (3) und störendes Verhalten. Weitere Symptome sind Gerüchte, Cliquen, Silos, Team-Sabotage, Doppelmoral und organisatorische Inkonsistenzen. (4)

Eine positive Kultur hingegen ist im besten Sinn agil und führt zu Erfolg und Produktivität. (4)

Wie entsteht eine vergiftete Kultur und was bewirkt sie?

Ein Büro ist voller negativer Energie und es herrscht eine angespannte Atmosphäre, wenn Menschen unzufrieden sind. Sicherlich kein Ort für neue Ideen, Kreativität oder Wachstum. (1) Mitarbeiter bringen keine guten Leistungen, beschweren sich oder verlassen das Unternehmen. (6) Es gibt negative Kritiken auf Glassdoor und Kununu, Klatsch und Tratsch, Intrigen, mangelnde Kooperation, ungebührliches Verhalten und Mobbing. Benefits sind wichtiger als Aufgaben oder es wird Geld für Dinge verschwendet, die für die Mitarbeitenden unwichtig sind. (7)

Einige Autoren behaupten, dass einzelne toxische Mitarbeitende verantwortlich sind für schlechte Moral, mangelnde Zusammenarbeit und Wissensaustausch, den Verlust der besten Talente und schließlich schlechte Geschäftsentscheidungen. (4)

Andere betrachten die Ursachen differenzierter. Sie verweisen auf mangelnde Anerkennung, fehlenden beruflichen Aufstieg und verloren gegangenen Sinn bei der Arbeit. (5) Unternehmensziele und -werte sind nicht klar oder gar nicht vorhanden. Grabenkämpfe zwischen Führungskräften finden statt, es werden nur vertikale Kommunikationskanäle genutzt, Einwände und offene Debatten werden nicht toleriert oder selbstgefällig blockiert. Schlechte Nachrichten werden nicht offen diskutiert und Probleme können nicht benannt werden. Der Fokus liegt auf der Leistung des Einzelnen und die Faktoren, die über Beförderungen bestimmen, sind nicht transparent. (8)

Auf officevibe.com habe ich eine schön gemachte und aussagekräftige Infografik mit 10 Unternehmenskultur-Killern gefunden. Die wichtigsten sind grosse Egos, Mikromanagement, Bürokratie, Unehrlichkeit, mangelnde Transparenz, Arbeitsplatzunsicherheit und fehlendes Lob. (10)

Eine vergiftete Kultur kann zu Fehlverhalten und kriminellen Delikten führen

Um es ganz klar zu sagen: Eine vergiftige Unternehmenskultur ist nicht nur nicht schön oder unerwünscht. Es gibt grössere Risiken. Die Betrugspraktiken im Dieselfall von VW hatten zum Beispiel viel mit ihrer Unternehmenskultur zu tun, haben die Ermittler herausgefunden. Es gibt mehrere Elemente, die eine toxische Unternehmenskultur fördern können, wie z.B. zu hohe Belastungen, schlechte Behandlung von Mitarbeitenden, unrealistische Ziele, Angstkultur, Schuldabschiebung oder eine grosser Graben zwischen dem, was das Topmanagement erzählt und dem, was Mitarbeitende Tag für Tag erleben. (2)

Gibt es gute Gründe, eine vergiftete Kultur zu akzeptieren oder gar zu unterstützen?

Als ich mein Netzwerk um Kommentare zur toxischen Kultur bat, erhielt ich einen sehr interessanten Beitrag von Daniela Melone. Könnte eine toxische Kultur in einem bestimmten Moment gar unterstützend sein? Es ist denkbar, dass das Arbeiten unter solchen Umständen nicht das schlimmste Übel ist … (12)

Was lässt sich dagegen tun?

Akzeptanz

Unternehmen erkennen in der Regel nicht frühzeitig, dass es ein Problem mit ihrer Kultur gibt. Vor allem für das Top-Management ist es schwierig zu erkennen, dass das Problem strukturell bedingt ist. In der Regel merken es die Mitarbeiter viel schneller, wenn die offiziellen Werte und Leitbilder nicht mehr mit der Kultur übereinstimmen, in der sie leben. Dies deutet bereits auf eine der Maßnahmen hin, die jedes Unternehmen ergreifen sollte: Möglichkeiten für die Mitarbeitenden zu schaffen, ihre Eindrücke direkt an das Top-Management weitergeben zu können.

Daher ist der erste Schritt hin zu einer Veränderung einzugestehen, dass es ein Problem gibt (5) und zu akzeptieren, dass es dafür Arbeit brauchen wird. (1)

Gibt es einen einfachen Weg zu einer gesunden Kultur?

Einige der Autoren sind dieser Meinung. Sie denken, dass ein Senior Manager die Fähigkeit haben sollte, «seine» Kultur im Alleingang zu verbessern. Hier ist ein Zitat: „Manager müssen sich darüber klar werden, wie die Kultur aussehen soll, drei bis fünf Leitlinien erstellen und diese kommunizieren. » (3)

Ich kann mir vorstellen, dass dies in den guten alten Zeiten funktioniert hat. Leider glaubt ein großer Teil der Führungskräfte immer noch daran. Für den Rest dieses Blog-Posts werde ich dieser Meinung aber nicht nachgehen.

Change und Vorgehensweise kommunizieren

Allerdings, auch wenn man es etwas ernster nimmt, ist es keine Hexerei, eine Kulturänderung anzustossen. Es winken viele Quick Wins auf dem Weg und Low Hanging Fruits, die wir einfach pflücken können. Der erste, einfachste und trotzdem sehr wichtige Handlung hin zu einer gesunden Kultur ist es zu akzeptieren, dass wir ein Problem haben und es die Mitarbeitenden wissen zu lassen. Ihnen einen Change und unsere Vorgehenspläne zu kommunizieren und anzukündigen, dass wir ihr Feedback einholen werden, ist der erste Schritt, um das Vertrauen wiederherzustellen und sie mit aufs Boot zu holen. (4) (6)

Ursachenforschung

Eine Kultur kann nicht von Grund auf neu aufgesetzt werden. Es gibt dafür keine Reset-Taste. Das Folgende wird nicht funktionieren: „Also, wie fängt man mit der Veränderung an? Auf einer grünen Wiese. Dazu gehören die Änderung Ihrer Ziele, der Strategien, mit denen diese Ziele erreicht werden, und der täglichen Aufgaben, die Ihre Mitarbeiter erhalten.“ (1)

Fast alle sind sich einig, dass man zuerst herausfinden muss, was schief läuft. John Webster bemerkt sogar: „Der größte Fehler ist, wenn man nicht zuerst analysiert, was die zugrunde liegenden Probleme verursacht“. Dies können leitende Führungskräfte oder gleich die Geschäftsleitung übernehmen. Sie analysieren die vergiftete Kultur, indem sie „eine andere kulturelle Perspektive, um zu beobachten, zu unterscheiden, zu erkennen und zu identifizieren, wie die Kultur einer Organisation ausgerichtet und verändert werden kann. “ (4) Auch die Personalabteilung könne hilfreich sein, indem sie Ursachen und Konflikte von Mitarbeitern identifiziert und das Engagement der Mitarbeiter misst. (5)

Wie wir oben gesehen haben, sind jedoch leitende Führungskräfte (und auch die Personalabteilung) oft nicht sehr sensibel, wenn es darum geht, Gefühle der Mitarbeitenden und kulturelle Hindernisse zu verstehen. Auch hier gibt es eigentlich nur einen, dafür sehr einfachen Weg: Fragen wir unsere Mitarbeitenden! Bitten wir sie um ihr Feedback. Umfragen können vor allem in größeren Unternehmen hilfreich sein, aber vergessen wir keinesfalls die direkten Gespräche. (6)

In Fokusgruppen können sich Mitarbeitende treffen, um die wichtigsten Probleme zu analysieren und zu diskutieren. Auf diese Weise trägt der Veränderungsprozess erneut dazu bei, Vertrauen und Engagement aufzubauen.

So könnte ich in einem Workshop herausfinden, was die Mitarbeiter tatsächlich als vergiftet empfinden, wie sich das konkret zeigt und welche Bereiche betroffen sind. Daniela Melone würde auch wissen wollen, wie sie damit umgehen und was trotzdem immer noch gut funktioniert. (12) Nach meiner Erfahrung kann auch die Frage „Was an deiner Arbeit lässt dich zögern, morgens aufzustehen“ sehr hilfreich sein.

Vorschläge aufnehmen

„Sobald wir die Probleme unseres Unternehmens kennen, können wir Korrekturmassnahmen ergreifen, die wirklich etwas bewirken.“ (6) Nein, das glaube ich nicht. So wenig wie leitende Führungskräfte meist die Gründe kennen, so wenig kennen sie die richtigen Lösungen.

Häufig denken CEOs, dass das Top-Management Kulturkonzepte entwickeln und umsetzen muss. Obwohl es ja eher das mittlere und untere Management ist, das die Kultur schafft, weil sie sie jeden Tag fühlt und lebt. (8)

Aber nochmals: auch das reicht nicht. Auch dieses Verfahren verpasst wieder eine grosse Chance. Also noch einmal: Fragen wir unsere Mitarbeitenden – oder noch besser: Lassen wir sie die Lösungen finden!

Fragen wir die Mitarbeitenden, was sie glücklicher machen würde. Was soll geändert, abgeschafft, neu eingeführt werden? Jeder einzelne Mitarbeitende muss einbezogen werden. (1) Beachten wir übrigens, dass Führungskräfte auch Mitarbeitende sind! Also werden sie natürlich auch nicht aussen vor gelassen. Dazu führen Manager, vom Teamleiter bis zum CEO, zwanglose Gespräche mit so vielen Personen wie möglich im Unternehmen. (3)

Lassen wir Menschen ein Bild entwerfen, visualisieren, sehen, erleben, wie sich die neue Kultur anfühlen könnte. Mitarbeiter sprühen oft vor Ideen, sobald sie ein lebendiges Bild vor Augen haben. (12)

Mögliche Massnahmen

Natürlich gibt es eine Vielzahl von Massnahmen, die in solchen Situationen helfen können. Es ist jedoch wichtig, dass wir uns auf solche konzentrieren, die die Mitarbeitenden glücklicher machen. Seien wir uns bewusst, dass Mitarbeitende die Einstellung des Unternehmens zu ihnen widerspiegeln und die gleiche Einstellung den Kunden gegenüber zeigen werden. (1)

Values

In vielen Fällen ist es grundlegend und der erste wichtige Schritt, dass sich Unternehmen wieder auf ihre Werten besinnen. Möglicherweise möchten wir einige Werte hinzufügen, die von Mitarbeitenden vorgeschlagen wurden, z.B. Transparenz oder Integrität. Die Mitarbeitenden müssen das Gefühl haben, dass sie für das Wertesystem eines Unternehmens entscheidend sind. Dann kommunizieren wir diese Werte, was sie wirklich bedeuten und wie sie sich im Alltag zeigen sollen. (6)

Führungsstil

Führungsthemen dürften ein zentrales Thema sein. In allen Artikeln finden sich viele Anregungen. Um nur einige zu nennen: keine Geheimnisse mehr (offene Kommunikation), Politik der offenen Tür (1), eine konsistente Führungskraft sein (3), Mitarbeitende inspirieren und einbinden (4), das Team unterstützen (das Team muss funktionieren, nicht nur die Einzelnen), die Vision teilen. (11)

Mitwirkung

Um die Unternehmenskultur zu verbessern, ist es wichtig, ein Umfeld zu schaffen, in dem die Menschen ein Mitspracherecht bei Dingen haben, die sie betreffen. (4) Stellen wir sicher, dass die Mitarbeitenden Probleme auf den Tisch bringen und Feedback geben können. Ihre Stimme soll gehört werden. (7)

Dies ist aber erst eine Seite der Medaille. Führungskräfte und Manager müssen auch sichtbar sein und sich aktiv am Tagesgeschäft beteiligen. Nur so spüren sie die Stimmung und können zeigen, dass ihnen die Mitarbeitenden wichtig sind. (8)

Mitarbeitende an die erste Stelle setzen

Ja, das Wichtigste: Mitarbeitende an die erste Stelle setzen! Zeigen wir ihnen, dass wir uns um ihr Wohlbefinden kümmern, ermutigen wir sie zu wachsen. Lassen wir sie spüren, dass sie unterstützt werden und dass sie wichtig für den Erfolg des Unternehmens sind. Bieten wir Flexibilität, um die Work-Life-Balance zu erreichen. (11)

Und wenn ich hier «wir» sage, dann meine ich selbstverständlich alle Entscheidungsträger im Unternehmen sowie auch alle Mitarbeitenden. Erst wenn wir das alle tun, ist die neue Kultur angekommen.

Umsetzung

Bei der Umsetzung kommt es auf die Kommunikation an. Darauf, den Worten Taten folgen zu lassen und die neue Kultur vorzuleben. Es braucht Zeit und einen langen Atem, um eine Arbeitskultur zu verändern, denn Gewohnheiten sind stark und die «alte» Kultur gab ja auch Sicherheit und Komfort. (12) Sei daher als Führungskraft und/oder Change Agent bereit, kontinuierlich zu kommunizieren, zu erklären und die neue Kultur jeden Tag zu leben.

Den kulturellen Wandel weiter verfolgen

Wenn sich die Kultur zu verändern beginnt, achte unbedingt darauf, dass direkte Kommunikation in beide Richtungen jederzeit einfach möglich ist. Ehrliche Kommunikation zeigt den Mitarbeitenden, dass es den Führungskräften mit dem Wandel ernst ist. Wenn andererseits Mitarbeitende ihre Gefühle direkt an die Führung weitergeben können, sieht das Unternehmen den Fortschritt und allfällige Bereiche, die noch Aufmerksamkeit erfordern. (6)

Es ist nun auch an der Zeit, auf kulturelle Unterschiede zu achten. Es reicht vielleicht nicht aus, eine einheitliche Unternehmenskultur zu etablieren, denn nicht alles funktioniert überall gleich. (8)

Wie können wir herausfinden, ob wir auf dem richtigen Weg sind? Kultur kann nicht gemessen werden, aber das Verhalten und die Folgen einer dysfunktionalen Kultur sehr wohl – Krankheitstage, Präsentismus, Entlassungen, Mitarbeiterengagement, Arbeitgeberimage, um nur einige zu nennen. (8) Behalte diese Daten im Auge – und ein offenes Ohr für die Mitarbeitenden!

Warum zum … sollten wir all dies eigentlich tun?

Eine gute Kultur ist die Basis für ein grossartiges Unternehmen. Sie sorgt für loyale, engagierte und motivierte Mitarbeitende und stärkt unsere Arbeitgebermarke. (11) Zufriedene Mitarbeitende tragen viel zum Erfolg eines Unternehmens bei: sie sind 10% weniger krank, sechsmal motivierter, verbleiben doppelt so lange im Unternehmen und sind doppelt so produktiv. (7)

Es ist ein langer Weg, ja, aber er wird es wert sein. Das Unternehmen erhält die Entgiftung, die es braucht, und die Resultate verbessern sich entsprechend. (1)

Und noch einmal: Stellen wir die Mitarbeitenden in den Mittelpunkt. „Eine motivierte und engagierte Belegschaft tut mehr für den Erfolg eines Unternehmens als jede Marketingkampagne. Wenn wir uns um unsere Leute kümmern, werden sie inspiriert, ihr Bestes zu tun und es zurückzugeben.“ (11)

Im Text erwähnte Artikel

 

 

(1) Jenny Kido: 8 Steps to Detox and Transform Your Toxic Workplace Environment

 

 

 

(2) Benjamin van Rooij, Adam Fine, and Judy van der Graaf: Detoxing Corporate Culture

 

 

 

(3) Hannah Pitstick: How to detect and defuse a toxic workplace

 

 

 

 

 

(4) Nikki Walker: Changing Toxic Organizational Culture

 

 

(5) Sammi Caramela: 3 Telltale Signs of a Toxic Workplace (and How to Solve It)

 

 

 

 

 

 

(6) Gwen Moran: How to rebuild trust in a toxic workplace

 

 

 

 

 

 

(7) Lionel Valdellon: 10 tödliche Anzeichen einer vergifteten Unternehmenskultur

 

 

 

 

 

(8) Simone Schnell: Woran Sie eine vergiftete Firmenkultur erkennen — und was Sie dagegen tun können

 

 

 

 

 

(9) Lauren Romansky: Four ways HR leaders can tackle a toxic work culture

 

 

 

 

 

(10) Infografik: 10 Company Culture Killers

 

 

 

 

 

(11) Rachel: How to Create a Great Workplace Culture

 

 

 

 

(12) Daniela Melone’s comment on LinkedIn

(13) John Webster’s comment on LinkedIn

Wie kann man eine vergiftete Arbeitskultur entgiften? 

Ich plane einen meiner nächsten Blogposts zum Thema wie kann man eine vergiftete Arbeitskultur entgiften. Gerne möchte ich dann ein paar Artikel vorstellen, die ich zum Thema gefunden habe. Vorher aber würde mich deine Meinung als richtiger Experte zum Thema interessieren. Schreib mir doch kurz oder lang, voll durchdacht oder ganz spontan, was dir zum Thema einfällt! Die spannendsten Aussagen würde ich gerne in meinen Blog einbauen.

Wie kann man eine vergiftete Arbeitskultur entgiften?

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